Wesselinger Heimat- und Geschichtsblätter – Inhaltsverzeichnis

Wesselinger Heimat- und Geschichtsblätter – ausgesuchte Texte

Heft 15, Seite 3-5: Der hl. Germanus von Auxerre (378 – 448) , von Wolfgang Drösser

1. Der hl. Germanus von Auxerre („Ausserre“ gesprochen) ist der Schutzpatron der Wesselinger Mutterkirche. Das Patrozinium geht auf die Mönche des Klosters Montfaucon zurück, die einst dem Schutzpatron ihres Klosters auch die Kirche in ihrer so weit entlegenen Besitzung weihten. Unser Heiliger war – nach dem hl. Martin – der im Frankenreich am stärksten verehrte Heilige. Doch wer war dieser Heilige, an dessen (leerem) Grab in Auxerre wir anläßlich unserer Fahrt nach Burgund vom 7. – 14. Oktober 1990 weilten?

2. Weit müssen wir in die Geschichte zurückgehen, mehr als 1500 Jahre: Wir stehen an der Wende von der Antike zum Mittelalter: Noch versuchen Aetius u.a., das Römische Reich zumindest in Gallien gegen die stürmischen Angriffe der Franken, Vandalen, Sueben, Burgunder, Alanen etc. zu verteidigen. In diesen Auseinandersetzungen sollte sich die Kirche als neue stabilisierende Kraft erweisen, obwohl sie gerade erst den Kampf gegen das Heidentum endgültig gewonnen hatte – Kaiser Theodosius hatte 380 das Christentum zur Staatsreligion erklärt. Die bischöflichen Hirten hatten sich nicht mehr nur um das geistig-geistliche Wohl, sondern auch um die weltlichen Belange ihrer Schafe zu kümmern. Neue Herausforderungen verlangten neue Akzente christlicher Lebensführung – Germanus von Auxerre hat sie gesetzt.

3. Eine erste zeitgenössische Angabe erhalten wir über ihn durch eine Eintragung des Prosper von Aquitanien zum Jahre 429 in seiner 433 herausgegebenen Chronik: „Auf die eindringliche Empfehlung des Diakons Palladius schickt Papst Cölestin I. als seinen Stellvertreter den Germanus, den Bischof von Auxerre, zu den „Briten“, weil sie von Häretikern verwirrt worden waren. Er führt sie zum wahren Glauben zurück.“ 1 Noch an einer zweiten Stelle nennt Prosper den Namen des Germanus, dies mal zum Jahre 444: Bischof Hilarius von Arles und unser Bischof von Auxerre veranlassen eine Synode, einen Bischof namens Celidonius abzusetzen. 2 Diese Erwähnung des Heiligen in der Chronik des Prosper ist ein historisch sicherer Beweis, dass Germanus als bedeutender Bischof in die kirchenpolitischen Auseinandersetzungen der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts verwickelt ist. Allein, diese Aktivitäten führen bestimmt nicht zur Heiligkeit, erst recht nicht zu einer Verehrung, wie sie der hl. Germanus erfuhr.

4. Dem Geheimnis seiner Größe kommen wir vielleicht näher durch die „Vita sancti Germani episcopi“, die um 480 Konstantius von Lyon verfasste. Doch bei dem Rückgriff auf diese Lebensbeschreibung ist doppelt Vorsicht geboten. Einmal liegt der Text in einer zweifachen Version vor. 3 Das eigentliche Werk aus dem 5. Jahrhundert ist im 9. Jahrhundert durch einen anonymen Schriftsteller überarbeitet und mit – zahlreichen – weiteren Wundern angereichert worden. Diese erweiterte Fassung wurde Grundlage der folgenden Abschriften, vor allem der berühmten und weit verbreiteten „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine (+ 1298): In kindlich-naiver Weise wird hier eine wundersame Begebenheit an die andere gereiht: So entsteht hier das Bild eines märchenhaften Heiligen, der z.B. mit einem toten Bischof spricht, einen toten Esel auferweckt, einen Sauhirten zum König macht usw. Erst W. Levison edierte im Rahmen der Monumenta den ursprünglichen Text, 4 auf den wir jetzt – nach der Ausgabe von Borius 5 – zurückgreifen wollen.

Grab des hl. Germanus
Abb. 1: Die Confessio mit Blick auf das Grab des hl. Germanus in der Abteikirche St. Germain in Auxerre

Doch auch bei diesem ursprünglichen Text ist die literarische Gattung zu berücksichtigen: Hier liegt keine Biographie im modernen Sinne vor, sondern eine Hagiographie: Sie soll „Gottes Gnade bezeugen“ und „der Erbauung des Menschen dienen“ 6. So haben die zahlreichen Wunder häufig wohl nur literarische Funktion, wie die wiederholte Verwendung in den Viten verschiedener Heiliger zeigt. Sie dienen in erster Linie dazu, kindlichen Gemütern das Wirken der Gnade Gottes in den Heiligen so zu verdeutlichen, dass es in die Augen springt, ihnen die Ähnlichkeit der Heiligen mit Christus zu verdeutlichen, sichtbar vor Augen zu führen.

Das heißt jedoch nicht, dass alle Wundergeschichten nur als literarische Produkte zu verstehen sind, allein, es sind noch keine zureichenden Kriterien entwickelt worden, um „wahre“ von „falschen“ Wundergeschichten trennen zu können. Und Erstaunliches muss sich schon im Leben der meisten Heiligen ereignet haben, sonst wären sie von ihren Mitmenschen und den Nachfahren nicht als solche verehrt worden. Darüber hinaus verdient Konstantius in vielen Punkten Glaubwürdigkeit, weil das „Kolorit“ stimmt und an vielen Stellen sich als überprüfbar und in Übereinstimmung zu den historischen Fakten erweist.

5. Was hebt nun Germanus aus der Schar der christlichen Streiter heraus, so dass er einer der ganz großen Heiligen im fränkischen Reich wurde?

Er ist wohl erst nach einem „Damaskuserlebnis“ – wie Paulus, Augustinus u. a. – zum christlichen Glauben gekommen, auch wenn dies aus der Vita nur indirekt hervorgeht. Zwar scheint Konstantius über die Zeit vor der Berufung nicht genau informiert gewesen zu sein, aber dennoch ist es unbestreitbar, dass der spätere Bischof von Auxerre der gallo-römischen Aristokratie entstammte und nach einer gediegenen Ausbildung, u. a. auch in Rom, alle Voraussetzungen für eine glänzende politische Karriere erfüllt; seine standesgemäße Ehe war sicher ein weiterer Schritt auf diesem Wege. Doch sein Weg sollte anders verlaufen. Plötzlich, vielleicht im Zusammenhang mit der Bitte von Klerus, Nobilität sowie Stadt- und Landbevölkerung, Bischof zu werden, „kehrt er um“ und wird Bischof von Auxerre.

Der hl. Germanus, Pfarrkirche in Wesseling
Abb. 2: Der hl. Germanus aus der Pfarrkirche in Wesseling
Foto: Drösser

„Er ändert seine Haltung plötzlich grundlegend, gibt den Dienst an der Welt auf und nimmt den des Himmels auf sich. Die Eitelkeit der Welt wird zertreten, die Demut eines gottesfürchtigen Lebenswandels erwählt; da verheiratet, wird seine Frau zur Schwester, sein Vermögen teilt er an die Armen, er sucht die Armut.“ 7

Eine solch radikale Umkehr bewegt zu allen Zeiten die Menschen, wird von Christen als beispielhaft für das Wirken der Gnade Gottes angesehen.

6. Fortan ist der Lebensstil des hl. Germanus durch eine Spiritualität gekennzeichnet, die damals, vom Kloster Lerin (heute: St. Honorat bei Cannes) 8 ausgehend, ganz Gallier England und Irland ergriff: Askese, Gebet, Reliquienverehrung und tätige Nächstenliebe kennzeichnen sie.

So lebt auch Germanus fortan wie ein Einsiedler, ohne in die Einsamkeit zu gehen, lebt unter Menschen und lässt sich dennoch nicht von den Versuchungen dieser Welt beeinflussen. 9 Seine asketische Lebensweise unterstreicht er durch seine Kleidung. Nach Konstantius genügten ihm – zu alle Jahreszeiten – Kutte und (Unter)hemd, die er niemals ablegte. 10 Ständig betete er. Ausdruck seiner starken Reliquienverehrung war ein Lederriemen, der in einer Kapsel Reliquien enthielt, und den er niemals ablegte (I,4). Konstantius Aussagen über dieses asketische Leben gipfeln in der Aussage, dass „der glückselige Germanus durch soviele Kreuze ein langes Martyrium auf sich genommen habe“ 11 – dem Ideal de Märtyrers zu folgen war auch möglich, ohne blutig sein Leben verlieren zu müssen!

Als Krönung des Lebens betrachtete Germanus – so Konstantius – die Gründung eines Klosters am anderen Ufer der Yonne, Auxerre gegenüber, „um die Menschen zum rechten Glauben zu bringen“ (I,6). Von diesem Kloster, das den Heiligen Kosmas und Damian geweiht war, zog im übrigen nach einer irischen Tradition der hl. Patrick aus, um Irland zu missionieren. 12

7. Doch nicht nur durch seine strenge Askese, sondern auch durch seine Taten der Nächstenliebe fiel der Bischof auf. Er praktizierte Gastfreundschaft, indem er jedem sein Haus zur Verfügung stellte und zum Mahl einlud, obwohl er selbst fastete 13 – auch heute imponiert uns noch ein Bischof wie Dom Helder Camara, der seinen Palast den Armen zur Verfügung stellt!

Seinen gesellschaftlichen und politischen Einfluss benutzt er, um sich gegen die finanzielle Ausplünderung seiner Stadt durch die Staatsmacht zur Wehr zu setzen. Er reist zum auch namentlich genannten Präfekten von Gallien, Auxiliaris, nach Arles, 14 um Abhilfe zu erreichen und erreicht auch tatsächlich einen Steuernachlass (IV,24).

Als der weströmische Staatsmann Aetius die wegen ihre brutalen Vorgehens berüchtigten Alanen 15 auf die aufständische Bevölkerung des „Tractus Amoricanus“ 16 hetzt, stellt sich Germanus schützend vor sie (VI,28). Um die Angelegenheit endgültig zu regeln, reist der Bischof zum Kaiserhof nach Ravenna, 17 um dort bei Kaiser Valentinian III. bzw. seiner Mutter, der Kaiserin Galla Placidia, vorstellig zu werden.

Dass Konstantius anlässlich dieser wie auch der andere Reisen von zahlreichen Wundertaten des Bischofs zu berichten weiß, ist selbstverständlich. Bei fast allen handelt es sich um Werke der Barmherzigkeit wie Heilungen, Dämonenaustreibungen usw., die diesen caritativen Grundzug der Frömmigkeit des hl. Germanus verdeutlichen.

8. In seinem unermüdlichen Kampf gegen das Böse setzt der agile Bischof noch einen weiteren Akzent: Ganz im Dienste der Kirche setzt er sich energisch für den wahren Glauben ein und wendet sich mit aller Entschiedenheit gegen die Irrlehre des Pelagius. 18 Zwei Reisen unternimmt Germanus nach Britannien, um dort die Häresie zu überwinden (III,12-18 und V,25-27). In einer öffentlichen Diskussion, in der das Volk zugleich Beobachter und Richter ist, gelingt es dem in der „apostolischen Tradition handelnden Bischof“, durch seine Überzeugungskraft, die Menschen zum rechten Glauben zurückzuführen. Die Heilung eines blinden Mädchens lässt auch die Umstehenden das „Licht der Wahrheit“ sehen (III,15).

9. So stellt Konstantius uns den hl. Germanus von Auxerre als einen „guten Hirten“ dar, „der seinen Körper freiwillig martert,… seinen Geist durch das Gebet vollständig auf Gott ausrichtet, sein Handeln dem Dienst an der Kirche und am Nächsten widmet“. 19 Verständlich, dass sofort nach seinem Tod in Ravenna am 31. Juli 448 die Verehrung des großen Mannes einsetzt 20 – sein Leichnam wird einige Wochen später in seine Heimatstadt Auxerre transferiert.

Bogenfeld Eselspütz
Abb. 3: Darstellung des hl. Germanus über dem Portal der Wesselinger Germanuskirche mit Bezug auf die Legende vom „Eselspötz“.
Foto: Drösser

10. Wenn auch die Geschichte, die man sich in Wesseling vom großen Bischof erzählt, sicher nur eine fromme Legende ist, so passt sie doch ganz in das Bild des Heiligen. Doch zunächst einmal der Text dieser „Ätiologie“ vom „Germanusbrunnen“ oder „Eselspötz“, wie ihn Josef Dietz überliefert. 21

„Du hast es gekannt, das kleine Wasser, das am „Eselspfad“, dem Grenzweg zwischen dem Ober- und Niederwesselinger Bann, aus dem sandigen Boden quoll. Über seine Entstehung wird erzählt: Als St. Germanus einst nach Wesseling reiste, machte er mit seinem Eselein auf dem Keldenicher Berge halt. Denn die Sonne brannte vom Himmel und das Grautier dürstete. Da erbarmte sich seiner der Heilige. Im Vertrauen auf Gottes Hilfe stieß er seinen Bischofsstab in die Erde, Und siehe! An jener Stelle quoll Wasser hervor. Die ältesten Einwohner aber erzählten, dass der „Eselspötz“ niemals trocken gewesen sei. Aus Wesseling und den umliegenden Orten aber kam man, um das Quellwasser zu holen und damit die kranken Augen zu waschen.“

Auch wenn der große Bischof vermutlich nie Wesselinger Gebiet aufgesucht hat, vermag die Geschichte dem gläubigen Menschen Wahres zu vermitteln: Selbst um das Bedürfnis seines Eselchens kümmerte sich unser Heiliger: Indem er dem Tier half, half er auch den Menschen – eine Wahrheit, die wir heute erst mühsam wieder entdecken müssen. Die Hilfsbereitschaft des heiligen Germanus prägte sich so ein, dass auch noch nach Jahrhunderten Menschen die ihnen zuteil gewordene Hilfe auf ihn zurückführten. Wer von uns führt ein solches Leben?

Anmerkungen
1 „Sed ad insinuationem episcopum vice sua mittet et, disturbatis hereticis, Britannos ad catholicam fidem dirigit.“ – Auct. ant. IX, 472, zitiert nach Wilhelm Levison, Bischof Germanus von Auxerre und die Quellen zu seiner Geschichte, Hannover/Leipzig 1904, in: Neues Archiv, Band 29, S. 94-175, S. 98 – Herrn Hoffmann sei an dieser Stelle gedankt für die Überlassung von Literatur zu diesem Thema.
2 Die Verurteilung des Celidonius wird im übrigen durch Papst Leo annulliert und ist Anlaß für das von Kaiser Valentinian III.445 erlassene Gesetz, „das dem Römischen Bischof nicht bloss die höchste geistliche Gerichtsbarkeit, sondern zugleich die volle, alle anderen geistlichen Mächte sich unterordnende Regierungsgewalt im abendländischen Reich“ zuerkennt. – Sohm, Kirchenrecht I,419, zitiert nach Levison, a. a. O., S. 99
3 Zur Textüberlieferung: Levison, a. a. O.; Rene Borius, Constance de Lyon: Vie de Saint Germain d’Auxerre, Paris 1965, S. 44-62
4 MGH, Script. Rer. Merov., Bd. VII
5 Borius, a.a.O.
6 Borius, a.a.O., 31 – W. Gessel charakterisiert die Vita des Germanus als „homiletische Paränese in hagiographischer Form“, in Römische Quartalschrift 65 (1970), 1-14
7 „… sed repente mutatur ex omnibus. Deseritur mundi militia, caelestis adsumitur; saeculi pompa calcatur, humilitas conuersationis eligitur: uxor in sororem mutatur ex coniuge, substantia dispensatur in pauperes, paupertas ambitur.“ – (I,2)
8 410 hatte der hl. Honoratus von Arles das zönobitische Mönchsleben auf der heute nach ihm benannten Insel in Europa begründet. – Atsma, Hartmut: Klöster und Mönchtum im Bistum Auxerre, in Francia 11 (1983), S. 1 -96, spricht sich gegen eine Beeinflussung durch Levin aus.
9 Konstantius schreibt. „Itaque vir beatissimus … inter frequentias populorum solitudinis uitam et heremum in saeculi conuersatione.“
10 Indumentum cuculla et tunica fuere temporibus. – (I,4)
11 „ceterum absolute definio beatum Germanum, inter tot cruces, longum traxisse martyrium“ – (I,4)
12 So die „Confessio“ des hl. Patrick.-Atsma u.a. verneinen diese Beziehungen.
13 „omnibus enim sine ulla exceptione personae domum praebuit et conuiuium ieiunus pastor exhibuit.“ – (l,5) Atsma, S. 1-96, hält die Beeinflussung durch Levin nicht für gegeben.
14 Die gallische Präfektur war 395 von Trier nach Arles verlegt worden. Im übrigen ist Auxiliaris auch inschriftlich belegt (CIL, XII, n. 5494).
15 Bei den Alanen handelt es sich um ein iranisches Steppenvolk, das – unter Druck der Hunnen – mit germanischen Stämmen nach Westen wanderte. Ein Teil von ihnen unter ihrem Führer Goar wurde wohl von Aetius als Foederatenverband in Gallien angesiedelt, um u. a. gegen Aufstände der ansässigen Bevölkerung eingesetzt werden zu können. – s. Borius, a.a.O., S. 97 ff.
16 Mit „Tractus Armoricanus“ ist das Gebiet zwischen Garonne und Seine gemeint.
17 Der Kaiserhof war 402 von Mailand nach Ravenna verlegt worden.
18 Pelagius leugnete die Erbsünde – sein großer Gegenspieler war Augustinus.
19 Borius, a.a.O., S. 75
20 Das Datum ist dem „Martyrologium“ des Hieronymus und dem „Liber episcopalis“ von Auxerre entnommen.
21 Josef Dietz, Chronik von St. Germanus, Wesseling 1928, S. 3

Heft 28, Seite 11-13: Das schwierige Heimatgefühl der Wesselinger , von Franz-Josef Thiemermann

Wer in einem oberbayerischen Gebirgsdorf geboren ist oder in einem Schwarzwaldtal, wer auf einer Hallig in der Nordsee groß wurde oder in einem mittelalterlich anmutenden Fachwerkstädtchen, der hat es leichter mit seiner gefühlsmäßigen Bindung an die Heimat als ein Wesselinger. Mensch und Natur bilden in den genannten Regionen häufig eine natürliche Einheit: Berge und Wälder, Meer und Stadtlandschaft sind einfach schön. Das Herz geht einem auf, wenn man wieder dort ist, eingebunden in die Vollkommenheit der Natur und in die unmittelbar erlebbare Geschichte einer alten Stadt. Die Relationen stimmen noch: Die Häuser sind nicht zu groß, die Kirche bleibt im Dorf, der Anspruch des Menschen an seine Umgebung ist angemessen. Das Verhältnis zwischen Nutzung der Natur und Erhaltung ihrer Ursprünglichkeit bleibt ausgeglichen. Heimat wird hier als Idylle erlebt, als Schönheit der Landschaft und Harmonie zwischen Mensch und Natur.

Industrie in Wesseling
Industrie in Wesseling
Foto: F.-J. Thiemermann

Wie anders in Wesseling: Mit der Gründung der Chemischen Fabrik Wesseling im Norden und dem Bau der Union Kraftstoff-Werke im Süden der Stadt war vor dem Zweiten Weltkrieg zunächst zaghaft, dann nach den Kriegsjahren immer entschlossener ein dichter Gürtel chemischer Großfabriken an der Rheinseite der Stadt emporgewachsen. Schlote, Kräkker, ein unentwirrbares Geknäuel von Rohren, Leitungen, Lampen und Ventilen bestimmen den ersten Eindruck, den der Besucher von Wesseling hat, wenn er sich über die B 9 der Stadt nähert. Dampfschwaden und das helle Leuchten abgefackelter Gase prägen die Silhouette. Aus einem Rheindorf mit bäuerlichem Ambiente und verträumten Fischer-Nachen ist in wenigen Jahrzehnten eine Industriestadt geworden – reicher, lauter und hässlicher als das ursprüngliche Straßendorf, von dem die Leute erzählen, es habe seinen Namen von den Treidlern erhalten, die in vergangenen Jahrhunderten die schweren Rheinkähne in Ermanglung von Pferden mühsam rheinauf gegen Bonn zogen und in Wesseling die Seile und die Schleppermannschaft auswechselten. Auch wenn diese Namensdeutung nicht stimmt, so skizziert sie uns doch das Bild einer dörflichen Idylle, die zweifelos schön war, die aber auch harte Arbeit, bittere Armut und Not kannte. Nichts davon ist mehr geblieben. Aus den Tag und Nacht arbeitenden Aggregaten der Industrie schaut uns die Moderne an: Der Mensch hat zu seinem Nutzen und zur Sicherung seiner Existenz in maßloser Weise in natürliche Abläufe eingegriffen, die Landschaft verwandelt, die Maschine in den Mittelpunkt gestellt und den Lebensraum der Einwohner an die Peripherie verschoben.

Ganz ähnlich wie in Wesseling, nur zeitlich früher, war in unserer Partnerstadt Leuna eine bäuerliche Umwelt fast über Nacht in eine Industrielandschaft verwandelt worden, in der die chemischen Fabriken das Aussehen der Stadt und die Lebensqualität ihrer Bewohner veränderten. Der österreichische Schriftsteller Joseph Roth (1894-1939), ein Mann, der in seinen Romanen einer versunkenen Vergangenheit nachtrauert und die Gegenwart pessimistisch-kulturkritisch wertet, hat in einem Brief an einen Freund diesen Wandel in Leuna beschrieben und ein Bild gezeichnet, das uns in Wesseling nicht ganz fremd ist:
„Steigen Sie in Merseburg in die Straßenbahn, die nach Frankleben führt, und Sie werden bald in die Gegend gelangen, von der Sie kaum werden sagen können, ob sie verzaubert oder verflucht ist. In der Nacht wird Sie wohl schon oft der Zug an diesen Stätten vorbeigeführt haben. Wie ein großer See aus silbernem Feuer liegen die Werke, eingetaucht in die Schwärze der Nacht, und noch lange verharrt der Reisende in dem Gefühl, an einer außerordentlichen Kirmes vorbeigefahren zu sein, und in dem Bedauern, den Zug nicht angehalten zu haben. Leider stinkt sie nach Ammoniak, es ist streng verboten, sie zu betreten, die Menschen, die dort beschäftigt sind, sind Arbeiter, das Gift frisst an ihren Lungen, wie die Bagger in der Erde wühlen, aber sie erzeugen Kunstdünger, dem wir unser Brot verdanken. Noch läuten hier und dort die Glocken von den kleinen Kirchtürmen der Dörfer, aber sie läuten mit jeder Stunde ihren eigenen Tod ein. Noch wiehert ahnungslos das Pferd im Stall, nicht wissend, dass es in dieser Gegend des Fortschritts ein Überrest aus einer verschwundenen Zeit ist. Noch ertönt von den Weiden her das tiefe, friedliche Blöken der gehörnten Tiere, noch geht der Bauer im bäuerlichen Gang, mit geknickten Knien, über die Schollen, noch riecht es aus den Gehöften her warm und heimelig nach Mist und Tier und Milch und Heu. Aber die Vögel, die ahnungsvollsten unter den Geschöpfen dieser Welt, sind seltener geworden, und ein alter Bewohner des Landes erzählte mir mit sachlichem Gleichmut, dass im Frühling die Lerchen nicht mehr trillerten wie noch vor zwanzig Jahren. Ich glaube ihm alles, ich kann den Lerchen nicht zumuten, in dieser Gegend zu trillern. Die riesigen Schornsteine der Leunawerke senden den tödlichen Gestank in die himmlische Bläue jener Regionen, in denen sich Lerchen wohlfühlen. Wer kann singen, wenn es stinkt?“

Vor mehr als sechzig Jahren, in der Weihnachtsausgabe des Jahres 1930, veröffentlichte Joseph Roth seine Beobachtungen in der Frankfurter Zeitung. Bisher hat noch kein Romancier Wesseling zum Thema seiner Darstellung gemacht, aber er hätte – gäbe es ihn – ganz ähnlich am Ende der fünfziger Jahre über Wesseling schreiben können – damals vielleicht unbekümmerter und fortschrittsgläubiger als ein Schriftsteller in den dreißiger Jahren oder heute.
Die Welt hat sich nach zwei Weltkriegen und nach gewaltigen technischen Umwälzungen grundlegend gewandelt. Die bäuerliche Umwelt und die bäuerliche Lebensform, ihr Jahresrhythmus und ihr Brauchtum sind nur noch für eine Minderheit bedeutsam. Nein, Wesseling ist keine Idylle mehr. Die Menschen, die hier leben, sind Arbeiter, Kaufleute, Techniker, sind Angestellte und Manager, die morgens in die Wesselinger Industriewerke fahren oder in die nahen Großstädte pendeln und glücklich sind, hier eine Wohnung oder ein Häuschen zu erschwinglichen Preisen im Schatten der Industrie gefunden zu haben.
Was bedeutet in einer solchen Umwelt Heimat? Zunächst sicherlich die Erfahrung der eigenen Kindheit. Heimat ist der Raum, in dem wir aufgewachsen sind, die Umgebung, aus der wir kommen, der Lebensbereich, der uns in jungen Jahren geprägt hat. Unsere Erinnerungen sind hier verwurzelt: Vater und Mutter, das Elternhaus, die Geschwister, Spiel und Abenteuer, Schule und Lehrer, erste Liebe und erstes Leid – unsere ganz einmalige und unwiederholbare Biographie hat hier ihren Ort und ihr Zuhause. Bilder, die wir nie vergessen werden, Gerüche in Haus und Landschaft, die sich für immer eingeprägt haben, das alles macht Heimat aus. Hier fühlen wir uns zugehörig, hier sind wir gefühlsmäßig eingewurzelt, hier gehören wir eigentlich hin. Heimat bedeutet den Schnittpunkt zwischen der Zeit, in die wir zufällig hineingeboren wurden, dem Ort, an dem wir zufällig zur Welt kamen, und den individuellen Eigentümlichkeiten unserer Persönlichkeit. Fünfzig Jahre früher oder später geboren, hundert oder zweihundert Kilometer südlicher oder nördlicher – unser Leben wäre völlig anders verlaufen und unsere Biographie hätte sich vielleicht grundlegend anders entwickelt.

Natürlich gehen viele fort: Ausbildung und Lehre, Studium und Beruf, gelegentlich auch Fernweh und Abenteuerlust oder die Erfahrung häuslicher Enge treiben die Menschen hinaus. Da wird dann eine andere Landschaft und eine andere Region zur Wahlheimat, aber die meisten bleiben doch dem Ort innerlich zugeneigt und verbunden, wo sie die ersten Schritte ins Leben getan und die ersten Erfahrungen gesammelt haben.
Vielleicht haben die Eltern schon hier gelebt, die Großeltern sogar – manche Familiennamen gehören zum Ort wie die Kirche oder die Kneipe. Von Generation zu Generation hat die Familie das Leben weitergegeben, aber auch Traditionen, Gepflogenheiten, Selbstverständlichkeiten des Verhaltens. Dazu gehören Glaube und Brauchtum, politische und gesellschaftliche Grundpositionen: die Fronleichnamsprozession und der Rosenmontagszug, der soziale Status der Herkunftsfamilie und die politische Grundeinstellung für oder gegen bestimmte Veränderungen. Für den Wesselinger gehört der Rhein zur Heimat, der weite Blick über das Wasser, das Rauschen der Wellen und das Brummen der Schiffsmotoren, das Grün der Aue und der Geruch, der an Sommertagen über dem Strom liegt. Und mit dem Rhein Tugenden und Laster des Rheinländers:
seine Fröhlichkeit, seine Unbekümmertheit, seine Art, weder sich selbst noch die anderen so ganz ernst zu nehmen, aber auch Leichtsinn und Leichtfertigkeit, die uns oft nachgesagt werden.
Auch die Sprache, in der wir aufgewachsen sind, ist ein Stück Heimat. Der neue Schüler, der in der Klasse schwäbelt, der dunkeläugige Fremde, der ein unverständliches Idiom spricht, ja selbst der Düsseldorfer, der nicht richtig „Blootwoosch“ sagen kann und das Wort „Bläckföß“ auf der falschen Silbe betont, sind zunächst durch ihre Sprache ausgegrenzt und gehören nicht so richtig dazu. Was aber ist dann mit dem Türkenjungen, dessen Eltern als Arbeitskräfte zugewandert sind und die zu Hause von ihrer Heimat, von der Weite Anatoliens oder von den kuppelgeschmückten Moscheen am Bosporus erzählen? Er ist hier geboren und hier aufgewachsen wie wir, er ist hier zur Schule gegangen und hat hier seinen Arbeitsplatz gefunden. Ist unsere Heimat nicht auch seine Heimat? In dem Land, von dem seine Eltern erzählen, ist er ein Fremder. Oft bleibt er es auch in dem Ort, den seine Eltern ihre „neue Heimat“ nennen.
Immer schon hat die Heimat Fremde assimiliert. Wenn man das Wesselinger Telefonbuch aufschlägt, findet man Namen wie Sürth, Zündorf oder Lommertzheim. Ganz offensichtlich sind da – wahrscheinlich vor Jahrhunderten – Fremde aus den Nachbarorten, von jenseits des Rheins oder aus der Eifel zugewandert oder eingeheiratet. Ihre fremde Herkunft war so typisch für sie und so auffällig, dass man sie danach benannte. In der zweiten oder dritten Generation gehörten sie dazu, waren „Einheimische“ geworden, das heißt solche, die hier daheim sind. Heute kommen die Fremden von weiter her. Sie sind anders als wir in der Art, wie sie sprechen und sich kleiden, in Aussehen und Hautfarbe, in ihrem Glauben und in ihrem Brauchtum. In einer Zeit großer sozialer und geographischer Mobilität, in einer Zeit, wo die ganze Welt dank Fernsehen und Flugverkehr zu einem „globalen Dorf“ geworden ist, bedeutet Heimatverbundenheit für den, der sich zu Hause sicher und geborgen fühlt, wohl auch, den Fremden und Zugewanderten im eigenen Dorf und in der eigenen Stadt zu akzeptieren und ihm das Gefühl zu vermitteln, bei uns „daheim“ zu sein. dass in Wesseling neben den vielen schönen Kirchen auch eine islamische Moschee Daseinsberechtigung und Heimatrecht hat, spricht nicht nur für die Religiosität und Frömmigkeit der türkischen Familien, sondern auch für die innere Sicherheit und die Urbanität der einheimischen Bevölkerung.
Das Alte Testament mahnt seine jüdischen und christlichen Leser: „Gott verschafft Waisen und Witwen ihr Recht. Er liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung. Auch ihr sollt den Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen“ (Deut 10,18). Hinter solchen Forderungen steht keine idealistische Schwärmerei, sondern die bittere Erfahrung, dass man die eigene Heimat verlieren kann, durch Krieg oder Revolution, durch Völkerwanderung oder Vertreibung. Wer heute noch Einheimischer ist, kann morgen schon irgendwo Zugereister sein, ein Flüchtling und Heimatloser, der auf die Hilfe der Ortsansässigen angewiesen ist.
Unsere Vorstellung von Heimat hat zweifellos etwas Konservatives an sich: Der Mensch, der seine Heimat liebt, möchte sie bewahren. Die Urtümlichkeit der Landschaft, die alten Häuser, die subjektiven Erinnerungen, überkommenes Brauchtum und die Sprache, in der wir herangewachsen sind, das alles möchten wir uns und anderen erhalten. Aber Heimatliebe darf nicht nur konservieren und zurückschauen. Sie muss sich auch nach vorne orientieren. Nichts ist so sicher wie die Tatsache steter Veränderung. Das heutige Aussehen des Ortes, die wirtschaftlichen und politischen Lebensformen, Glaubensüberzeugungen und soziale Selbstverständlichkeiten werden sich mit Sicherheit in den nächsten Jahrzehnten verändern, so wie sich diese scheinbar so dauerhaften und stetigen Grunderfahrungen des Lebens für unsere Eltern und Großeltern im Laufe dieses Jahrhunderts zum Teil mehrfach geändert haben. Nach vorne schauen heisst: Das Gesicht dieser Heimat und das Leben in ihr so zu gestalten, dass es menschenwürdig und gerecht für alle zugeht, dass die Belastungen erträglich sind und unter den gegebenen Umständen das Verhältnis von Mensch und Natur so ausbalanciert wird, dass der Mensch nicht immer nur nimmt und die Natur nicht immer nur gibt, bis sie schließlich nichts mehr geben kann. Erhalten lässt sich nur, was genutzt und weiterentwickelt wird. Eine Burgruine, die keine andere Funktion hat als die, alt zu sein und Erinnerung an die Vergangenheit, zerfällt.
Die gefühlsmäßige Bindung eines Wesselingers an seine Heimat ist vielleicht schwieriger als die eines Kölners an seine Domstadt oder eines Rodenkircheners an sein „Kapellchen“. Eine Stadt, die von Industrieschloten überwachsen und von Bahntrassen und Autorouten zerschnitten ist, lässt das Herz nicht unbedingt höher schlagen. Aber urtümliche Bindungen des Menschen: an seine Kindheit und an seine Eltern, an Nachbarn und Freunde, an Brauchtum und Dialekt und an die Aufgaben, die das Leben in diesem Ort und für diese Zeit stellt, sind unabhängig von der Schönheit der jeweiligen Kulisse. Auch in einem Ort, der keine Idylle ist, kann jemand seine Heimat lieben und zu Hause sein.
In einer Welt, die kälter geworden ist und subjektiver, in welcher der Mensch sich stärker als in früheren Jahrhunderten aus den Bindungen seiner Herkunft gelöst hat und auf seine Individualrechte pocht, in der anonyme Großstädte weniger Geborgenheit und die Pluralität der Auffassungen weniger Sicherheit und Sinnhaftigkeit vermitteln, erleben wir angesichts der Isolation des aus seinen urtümlichen Bindungen herausgestürzten Individuums den Wert und die Bedeutung von Heimat wieder bewusster. Als Vereinzelter, Vereinsamter und Entfremdeter hat der Mensch der Moderne aus der Erfahrung des Verlustes seine Heimat wieder lieben und die aus ihr erwachsenden Kräfte wieder schätzen gelernt. Friedrich Nietzsche, selbst ein Unbehauster und Heimatloser, hat bereits vor mehr als hundert Jahren Kälte und Entwurzelung des kommenden Jahrhunderts vorausgeahnt und vorauserlebt und der „Winter-Wanderschaft“ seines eigenen Lebens die Sehnsucht nach Geborgenheit und Heimat entgegengestellt:
„Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!“

Heft 39, Seite 4-7: Zur Geschichte der Herrlichkeit Keldenich , von Wolfgang Drösser

Auf Wunsch einiger Mitglieder wird hier der Vortrag abgedruckt, den Wolfgang Drösser am „Tag des offenen Denkmals“ in Keldenich am 8. September 2002 „Zur Geschichte der ,Herrlichkeit‘ Keldenich“ gehalten hat. Hierbei handelt es sich um die Zusammenfassung der Ergebnisse, die in dem Heft „Blätter zur Geschichte der Stadt Wesseling IV“ (beim Verein und im Buchhandel erhältlich) vorgelegt wurden.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde des Vereins für Orts- und Heimatkunde!
Keldenich kann stolz auf seine Geschichte sein! Ein Indiz für seine reiche Geschichte sind die weit verstreuten Archivalien: Nicht nur in den Archiven in Bonn, Köln und Düsseldorf sind sie zu finden, sondern auch im Hessischen Staatsarchiv Marburg 1, im Departementsarchiv in Laon sowie in den berühmten Archives Nationales in Paris. Das macht es schwierig, aber auch reizvoll, sich mit der Geschichte Keldenichs zu beschäftigen. Bei meinen Arbeiten konnte ich auf die Untersuchungen der Keldenicher Heimatforscher Heinrich Schumacher und Peter Hoffmann, die in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Archive auf Keldenicher Archivalien durchforstet haben, zurückgreifen. Doch nun zur Geschichte der „Herrlichkeit“ Keldenich, die über ein Jahrtausend umfasst und erst 1801 endet.

Die römischen Wurzeln Keldenichs
Der Name Keldenich („Caldiniacum“) leitet sich vom gallo-römischen Gentilnamen Caldinius ab. Doch dieser Name wurde nicht nur durch die Sprachforscher erschlossen, sondern ein Mann solchen Namens hat in unserer Nähe nachweislich gelebt. Wohl aus dem 2./3. Jahrhundert stammt ein Altar, der den Aufanischen Matronen geweiht war und der bei Ausgrabungen unter dem Bonner Münster gefunden wurde – er wurde von einem Quintus Caldinius Celsus gestiftet (Abb. 1).

Matronenaltar des Caldinius
Abb. 1: Matronenaltar des Caldinius
Foto: Bonner Jahrbücher 134 (1929), Tafel XV

Ob gerade dieser Caldinius namengebend für Keldenich wurde, wissen wir natürlich nicht. Aber er könnte hier sein Landgut gehabt haben, denn zahlreiche Funde aus der Römerzeit (u. a. Reste eines spektakulären Grabmals) verdeutlichen, dass hier sehr wohlhabende Landbesitzer ihre Anwesen hatten.
Keldenich hat diesen Namen – Reminiszenz an seine römische Vergangenheit – behalten, weil es an der wichti­en Straße lag, die von Wesseling über Sechtem, Billig, Marmagen und Bitburg nach Trier führte. Alle diese Orte haben ihre gallorömischen Namen behalten, d. h. auch nach dem Ende der Römerherrschaft blieb an dieser Straße eine irgendwie geartete Kontinuität erhalten – zumindest der Name wurde von Generation zu Generation weitergegeben, gleich ob die Anwohner Romanen oder Franken waren.

Keldenich im Besitz des Klosters Notre Dame in Soissons
Für die fränkische Zeit fehlen uns schriftliche, aber auch archäologische Zeugnisse für Keldenich. Vermutlich fiel der Ort als Kriegsbeute dem fränkischen König zu. Irgendwann in merowingischer oder karolingischer Zeit wurde das Dorf dem Kloster Notre Dame in Soissons geschenkt. In einem Güterverzeichnis des Klosters aus dem 9. Jh. finden wir Keldenich als Caldelaic erwähnt. Zwar wird die Urkunde heute als mittelalterliche Fälschung angesehen; dennoch spiegelt sie die Besitzverhältnisse dieser Zeit wider. Eine Abschrift dieser Urkunde befindet sich im Departementsarchiv in Laon. In ihr lesen wir u. a. von einer Kirche und einer castitia, wohl einer wasserumwehrten Befestigung, einer sog. Motte – hierbei handelt es sich um die älteste schriftliche Erwähnung einer solchen Anlage im Rheinland! 1147 und 1157 bestätigen sogar zwei Päpste dem Kloster seinen Besitz in Keldenich; Abschriften dieser Urkunden liegen ebenfalls im Departementsarchiv in Laon.
Doch 1288, nach über 400 Jahren, geben die Nonnen des Klosters Notre Dame in Soissons ihren gut 300 km entfernt liegenden Besitz – mit Zustimmung des Bischofs Milo von Soissons – auf. Die Verkaufsurkunde mit drei prächtigen Siegeln ruht im Historischen Archiv der Stadt Köln. Käufer war ein Kölner Bürger, der Ritter Heinrich Scherfgin.

Die Scherfgin als Herren von Keldenich
Bevor ich auf die Herrschaft der Scherfgin eingehe, noch ein Blick zurück auf die Zeit, da Keldenich zum Kloster Notre Dame gehörte: Nonnen eines Klosters durften sich nicht selbst verteidigen, dazu brauchten sie einen „Anwalt“, einen Vogt (lat. advocatus). Diese Aufgaben nahmen Adlige wahr: Für Keldenich waren es zunächst die Gaugrafen von Bonn, dann die Pfalzgrafen von Aachen. Seit 1214 bekleideten die Herzöge von Bayern dieses Amt. Da sie die Rechte in unserer Region wenig interessierten, übertrugen sie dieses Amt den Grafen von Jülich. Als dann die Tochter Graf Wilhelms IV, Margarete, den Grafen Dietrich IV von Katzenelenbogen heiratete, kam vermutlich die Vogtei über Keldenich in der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts an dieses hessische Grafengeschlecht. Am Ende des 13. Jahrhunderts erwarben nun die besagten Scherfgin nicht nur das Dorf Keldenich vom Kloster Soissons, sondern wurden auch Lehnsleute der Grafen von Katzenelenbogen für Keldenich (das Obergericht für Keldenich lag in St. Goar) und waren damit als Vögte die Herren von Keldenich. Mit diesem Vogteirecht war ein eigener Hof verbunden, jene befestigte Anlage, von der schon im 9. Jh. die Rede war. Dieser „Herrensitz“ war wichtig, weil er als adliger Sitz privilegiert war – der Eigentümer brauchte keine Steuern zu zahlen und war „landtagsfähig“ (bis in die Preußenzeit!).
Wer waren diese Scherfgin? Sie waren ein bedeutendes Kölner Patriziergeschlecht mit ausserordentlich ausgeprägtem aristokratischen Selbstbewusstsein. Es spricht für Keldenich, dass ein so berühmtes Geschlecht das Dorf als Landsitz erwählte. Doch diese Wahl war auch mit Unheil für unseren Ort verbunden: Als Schöffen im Dienste des Erzbischofs wehrten sich die Scherfgin gegen die Bestrebungen der Stadt Köln, die Macht des geistlichen Herren zu beschränken. 1375 putschten sie mit Wissen des Erzbischofs gegen die Stadt. Doch das Unternehmen misslang – Johann Scherfgin zog sich nach Keldenich zurück. Von dort schrieb er an Freunde zwei Briefe, die bis heute erhalten sind. Die Kölner aber überfielen Keldenich – über das, was passierte, liegt eine ausserordentlich farbige Schilderung in der erhaltenen Klageschrift Johann Scherfgins von 1379 vor: Sie enthält u. a. die ältesten bisher bekannten Namen von Keldenichern (Molghun, Hermann, Geille, Ailken usw.), Angaben über die Struktur des Dorfes, über die Kirche, die unter dem Schlafzimmer der Scherfgin im Herrensitz lag, usw.

Keldenich als hessische Exklave
Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts blieben die Scherfgin Herren in Keldenich. Dann erfolgt ein Besitzerwechsel in doppelter Hinsicht: Das Geschlecht der Grafen von Katzenelenbogen stirbt aus; neue Lehnsherren werden die Landgrafen von Hessen. Auch die männliche Linie der Scherfgin stirbt um diese Zeit aus – zu Herren von Keldenich setzen die Landgrafen die hessischen Geschlechter von Dörnberg und von Schweinsberg ein. Den Kölner Kurfürsten ist diese hessische Exklave ein Dorn im Auge – zur Abrundung ihres Territorialstaates möchten sie Keldenich gerne zu kurkölnischem Gebiet machen. So schikanieren und drangsalieren sie die Bewohner unseres Dorfes durch die unberechtigte Erhebung von Steuern aller Art, durch Eintreibung von Kontributionen, Plünderungen usw. – die Archivalien darüber liegen vor allem im Hessischen Staatsarchiv in Marburg.

Keldenich unter kurkölnischer Herrschaft
1630 sind die Hessen es endgültig leid: Die Landgrafen willigen in den Verkauf Keldenichs durch die Herren von Dörnberg und die Schenken von Schweinsberg ein: In den Herren von Siegenhoven, genannt Anstel, finden sich kurkölnische Käufer. Für 40 000 Taler erwerben sie Keldenich (und Höfe in Sechtem) und die Herrenrechte. Herr Hoffmann hat die Verkaufsurkunde in den Wesselinger Heimatblättern (Nr. 15) veröffentlicht.
1751 wechselt Keldenich erneut den Besitzer: Der kurfürstliche Kammerdirektor Adam von Falkenberg und seine Frau erwerben es; schon wenige Monate später treten sie Keldenich an Kurfürst Clemens August ab, der es aus seiner Privatschatulle bezahlt. Nach dem Tod des Kölner Herrschers 1761 wird es nicht zur Begleichung der Schulden herangezogen und fällt an Kurköln.

Keldenich im 17. und 18. Jahrhundert
Was gehörte nun zu Keldenich in dieser Zeit?

Die „Herrlichkeit” Keldenich
Abb. 2: Die „Herrlichkeit“ Keldenich
nach einem Entwurf von H. Schumacher (überarbeitet nach neuen Erkenntnissen)

Aus der Landesdescription von 1670 erfahren wir Genaueres: Das Ensemble (Abb. 2), der Kern des Dorfes, den heute nachmittag Herr Bilstein vor Ihren Augen wieder erstehen lässt, bestand aus dem Kirchhof mit der befestigten Anlage („Herrensitz“), die allerdings im 18. Jh. verfiel, sowie der Kirche. Hinzu kamen drei große Höfe, der einzige vom Herrn von Keldenich unabhängige Gerresheimer Hof im Besitz des Stiftes Gerresheim, der Metternicher (= Schwingeler Hof) und der Oberkeldenicher Hof (= Dikopshof). Der Zehnthof in kurfürstlichem Besitz war für den Weinzehnten zuständig. Ausser dem Pfarrhof soll es zu der Zeit in Keldenich nur sieben weitere „Häuser“ von Hausleuten gegeben haben, sieht man einmal vom Pfarrhof ab. Doch das kann nicht ganz stimmen: Aus Visitationsprotokollen erfahren wir, dass es schon 1687 28 Häuser gab (Abb. 3), eine Zahl, die 1733 und 1746 wiederholt wird. Etwa 150-200 Menschen werden in dieser Zeit in Keldenich gelebt haben.
Über die innere Struktur gibt uns das „Grundgesetz“ des Dorfes, ein Weistum, Auskunft. Es war Grundlage der weitgehenden Selbstverwaltung, die durch die Bezeichnung „Herrlichkeit“ angezeigt wurde. Durchgeführt wurde die Selbstverwaltung durch den Schultheiss und die Schöffen. Letztere wurden durch die Halfen, die Pächter der Höfe, gestellt, die als „Erbschaftssteuer“ mindestens ein Pferd an den Herrn zahlen mussten: Das waren der Kirchhof, de Dikopshof, der Schwingeler Hof, der schon früh „zersplissene“ (= aufgeteilte) Elgers Hof, der Huesgeshof und de Burtzschethof in Lülsdorf sowie ein Hof in Odenkirchen (bei Godesberg!). Die Schöffen hatten einmal über Kriminaldelikte wie Aufruhr, Mord, Schlägerei usw. zu richten und konnten sogar die Todesstrafe verhängen. Der Galgenberg erinnert noch heute an die einstige Hinrichtungsstätte. Ausserdem übten die Schöffen die Funktion eines Hofgerichtes aus, d. h. sie hatten sich mit Delikten wie Überpflügen von Grenzen, Verwendung falscher Maße usw. zu beschäftigen.
Vor allem aber legte das Weistum die Rechte des Herren fest, z. B. die Pflicht der Dorfbewohner zu Dienstleistungen (Hand- und Spanndienste); ausserdem stand ihm das Jagd-, Fischerei- und Kollationsrecht (Recht zur Einsetzung des Pfarrers) zu, die Branntweinsteuer und das Judenschutzgeld – in Keldenich lebten schon im 18. Jh. Juden.

Kriege und Naturkatastrophen in Keldenich im 18. Jh.
Als Beispiel für die Belastungen der Einwohner Keldenichs durch Kriege bzw. Naturkatastrophen sei nur kurz auf zwei Beispiele hingewiesen.
Durch Zufall haben wir eine Archivalie, die über die Belastung durch Einquartierung von Soldaten 1713 Auskunft gibt. In diesem Jahr lagerten zwei hessische Kompanien im Rahmen der Kriege gegen Ludwig XIV. für drei Tage in Keldenich. Sie bestanden aus je 65 Mann. An „Portionen“, d. h. für die Mahlzeiten, mussten pro Tag pro Mann 9 Stüber = 58 Reichstaler ausgegeben werden. Teurer waren die Ausgaben für die Getränke: Pro Mann wurden für diese drei Tage fast 1,8 l Wein, 6,6 l Bier und 0,1 l Branntwein in Rechnung gestellt, insgesamt Getränke für 68 Reichstaler! Zwar forderte das Dorf die Gelder vom Kurfürsten zurück, doch ist nicht bekannt, ob es jemals davon wieder etwas gesehen hat.
Berühmt-berüchtigt ist der Eisgang von 1784. 1783 hatten Vulkanausbrüche in Island und Japan zu atmosphärischen Trübungen geführt: Ein extrem kalter und schneereicher Winter war die Folge. In seinem Verlauf kam es zu einer ungeheuren „Eisfahrt“ und einem extremen Hochwasser des Rheins. Eis und Wasser fegten am 27. Februar die Keldenich schützenden Deiche weg; der Rhein ergoss sich in sein altes Bett, vernichtete u. a. den Schwingeler Hof und setzte zahlreiche Gehöfte unter Wasser. Interessant ist nun das kurfürstliche Krisenmanagement – vergleichen Sie das einmal mit dem Management unserer Regierung nach dem Elbhochwasser: Bereits am 2. März 1784, also nur drei Tage später, wurden an die Betroffenen erste Gelder ausgezahlt. Weitere Abschlagszahlungen folgten am 14. März, 18. Mai und 27. Juni. Die kurfürstlichen Erlasse geben Auskunft über die Schadensregulierungen, die differenziert nach Schaden und Besitz (soziale Komponente!) erfolgten: Beschädigungen an Häusern wurden – bei einem Besitz von weniger als 10 Morgen – zu 1/4 vergütet, ansonsten zu 1/6. Für den Verlust einer Kuh wurden 20 Reichstaler gezahlt, für ein Rind 10 Reichstaler.

Das Ende der „Herrlichkeit“ Keldenich 1801
1789 bricht in Frankreich die Revolution aus: Die alten Mächte – König, Adel und Geistlichkeit – werden hinweggefegt, die soziale Ordnung wird umgestürzt. Seit 1792 versuchen die revolutionären Kräfte nach dem Motto „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ ihre neuen Ideen auch militärisch in die Nachbargebiete zu exportieren, um einem Gegenangriff der Reaktion zuvorzukommen. Wohl am 6./7. Oktober 1794 erreichen französische Truppen auch Keldenich – fortan gehört es mit seinen 268 Einwohnern (Angabe von 1802) wie das gesamte linksrheinische Gebiet zum französischen Aufmarschgebiet.

Die Unterdorfstraße
Abb. 3: Die Unterdorfstraße – die alte „Hauptstraße“ des Dorfes.
Foto: W. Drösser

Die seit Jahrhunderten tradierte Herrschafts-, Gesellschafts- und Rechtsordnung wird durch einen Federstrich beseitigt. Doch an die Stelle der alten Pflichten treten neue, noch härtere Belastungen: Die Bewohner müssen für die einquartierten bzw. durchziehenden Truppen aufkommen. Gleichzeitig werden sie zu Kontributionen, Schanzarbeiten usw. herangezogen. Nach einem Wort von Fritz Wündisch erlebt das Rheinland die bis dahin „härteste Zeit“ seiner Geschichte. Einige Einwohner hoffen durch einen Anschluss an Frankreich auf bessere Zeiten. So verfassen 238 (von ca. 3200) Männern des Kantons Brühl eine Ergebenheitsadresse- darunter befand sich auch der Keldenicher Christian Schurff. In Wirklichkeit ist der Anschluss des linken Rheinufers an Frankreich längst geplant. Jetzt wird Keldenich gemeinsam mit Wesseling der Bürgermeisterei Hersei zugeordnet. Völkerrechtlich gültig werden der Anschluss an Frankreich und damit auch alle Verwaltungsreformen erst nach der Ratifizierung des Friedensvertrages von Luneville durch den Reichstag zu Regensburg am 7. März 1801. Damit endet auch – rechtlich unanfechtbar – die „Herrlichkeit“ Keldenich.

Anmerkung:
1 Im o.g. Heft wurde die Abkürzung HSTAM falsch aufgelöst: Die Abkürzung steht für „Hessisches Staatsarchiv Marburg“.

Heft 50, Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis Heft 50